(Cádiz, Puertollano, Bilbao / Spanien) – Spanische Energiekonzerne machen sich auf den Weg zu den Märkten für grünen Wasserstoff in Mitteleuropa. Sowohl Iberdrola S.A. als auch Cepsa unterzeichneten Vereinbarungen, um den Absatz des im Süden Spaniens produzierten Energieträgers im Hafen von Rotterdam zu gewährleisten. Und der Hafen von Bilbao in Nordspanien kooperiert mit Amsterdam. Geplant sind Investitionen in Höhe von mehreren Milliarden Euro.

Iberdrola: Ammoniak nach Rotterdam

So will Iberdrola grünes Ammoniak herstellen und verschiffen. Ein „Cracker“ werde die Chemikalie dann in Rotterdam wieder in grünen Wasserstoff umwandeln. In dem niederländischen Hafen wird derzeit an der Maasvlakte ein Importterminal entwickelt – ein strategisch wichtiger Standort, bietet er doch einen direkten Zugang zur Nordsee und außerdem eine Anbindung sowohl an die Rotterdamer Industrie als auch an das Pipelinenetz nach Nordwesteuropa.

Iberdrola vereinbart mit Industriepartnern die Verschiffung von Ammoniak nach Rotterdam: Ulco Vermeulen (Gasunie), Cees van Gent (HES International), Jorge Palomar Herrero (Iberdrola), Helmie Botter (Hynetwork Services) & Walter Moone (Vopak). Hintergrund: Der niederländische Minister für Energie und Klima Rob Jetten, Ignacia Galán (CEO Iberdrola) und König Willem-Alexander © Gasunie

Der Energiekonzern unterzeichnete dazu eine Vereinbarung mit ACE Terminal. An dem Joint Venture sind auch der niederländische Ferngasnetzbetreiber Gasunie, der Vermarkter und Verarbeiter von Mineralöl und Massengütern HES International B.V. sowie der Tanklagerbetreiber Vopak N.V. beteiligt. Das ACE-Terminal soll 2026 in Betrieb gehen.

Um den Weitertransport und Vertrieb zu gewährleisten, hat Iberdrola überdies einen Vertrag mit der Gasunie-Tochter Hynetwork Services geschlossen. So erreiche man die Kunden in der Chemie-, Stahl-, Raffinerie- und Düngemittelindustrie. Denn Hynetwork Services baut in den Niederlanden bis 2030 in mehreren Phasen ein nationales Wasserstoffnetz auf. Es nutzt teils bestehende Infrastruktur, teils wird neue hinzugebaut. Dabei werden Industriestandorte untereinander, mit anderen Ländern sowie mit Wasserstoffspeichern und Importstandorten verbunden.

Investitionen von drei Milliarden Euro

Bereits vor Jahresfrist hatte Iberdrola auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Investitionen in Höhe von drei Milliarden Euro in Wasserstoffprojekte angekündigt. So lasse sich etwa die Produktion in Puertollano in der Provinz Ciudad Real (Kastilien-La Mancha) vervielfachen.

Die Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen Iberdrola und dem Hafen von Rotterdam erfolgte im Beisein des niederländische Königs Willem-Alexander, der hier von Iberdrola-Chef Ignacio Galán im Werk von Puertollano begrüßt wird. © Iberdrola S.A.

Die Anlage besteht derzeit aus einem 20 Megawatt leistenden Elektrolyseur, einem Photovoltaikkraftwerk mit einer installierter Leistung von 100 Megawatt sowie einem Lithium-Ionen-Speicher mit einer Kapazität von 20 Megawattstunden. Mit einer Investition von 150 Millionen Euro werde man in der Lage sein, dort bis zu 3.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr zu produzieren.

Außerdem hatte Iberdrola im April mitgeteilt, man wolle am Chemiestandort Palos de la Frontera in der andalusischen Provinz Huelva ein großes Zentrum für die Produktion von grünem Wasserstoff errichten. Zunächst ist eine Leistung von 200 Megawatt mit einer Produktionskapazität von 23.000 Tonnen im Jahr geplant. Die Investitionen dort betragen 450 Millionen Euro.

Anschließend werde für weitere 500 Millionen Euro ein 370-Megawatt-Elektrolyseur mit einer Produktionskapazität von 39.100 Tonnen installiert. Um die Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien zur Zertifizierung des grünen Wasserstoffs zu gewährleisten, will Iberdrola den Ertrag seiner Erneuerbare-Energien-Kraftwerke in Andalusien mit einer installierten Leistung von fast 1.000 Megawatt nutzen. Der Hafen von Huelva werde zum „Knotenpunkt“ und zum „Tor nach Europa“.

Cepsa: Tanker von Yara

Für den spanischen Mineralölkonzern und Tankstellenbetreiber Compañía Española de Petróleos (Cepsa) dient der Hafen von Algeciras als Ausganspunkt. Dort, im Süden der andalusischen Provinz Cádiz an der Straße von Gibraltar, will Cepsa grünen Wasserstoff und seine Derivate ebenfalls nach Rotterdam verschiffen.

In Anwesenheit der Monarchen Spaniens und der Niederlande (Mitte) unterzeichnete Cepsa Kooperationsvereinbarungen mit Yara Clean Ammonia und mit Gasunie. © Cepsa / Casa de S.M. el Rey

Einer der Vertragspartner ist Yara Clean Ammonia (YCA), eine Tochter der norwegischen Yara International ASA. Das Unternehmen verfügt unter anderem über Tanker sowie eine Ammoniak- und Düngemittelfabrik im niederländischen Sluiskil am Kanal Gent-Terneuzen, der in die Nordsee mündet und europäische Binnenflüsse und Eisenbahnlinien in ganz Europa verbindet. Erst in der vergangenen Woche hatten YCA und die Bunker Holding Group eine Absichtserklärung unterzeichnet, um gemeinsam die Entwicklung des Marktes für sauberes Ammoniak als Schiffskraftstoff zu beschleunigen.

Korridor für grünen Wasserstoff zwischen Nord- und Südeuropa: Cepsa will grünes Ammoniak (NH3) aus seinen Energieparks in Andalusien zu den ACE-Terminals in Rotterdam verschiffen. Von dort aus kann das Ammoniak in Wasserstoff rückgewandelt und per Pipeline weiterverteilt werden. © Cepsa

Auch Cepsa, teils im Besitz des Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate Mubadala, kommt nicht an den geplanten ACE-Importanlagen im Rotterdamer Hafen vorbei. Das Unternehmen kooperiert außerdem mit Hynetwork Services, um sich ebenso wie Iberdrola über die Gasunie-Pipelines mit anderen europäischen Industrieclustern in Deutschland, den Niederlanden und Belgien zu verbinden.

Darüber hinaus gab Cepsa im Mai eine Kooperationsvereinbarung mit GETEC über die Belieferung mit grünem Wasserstoff und seinen Derivaten bekannt, die GETEC an Industriekunden in verschiedenen europäischen Ländern vertreiben wird. Das Unternehmen erbringt Wärme-, Kälte- und Elektrodienstleistungen für die Chemie-, Automobil-, Lebensmittel-, Pharma-, Polymer- und Papierindustrie in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Italien.

Investitionen in Andalusien

Cepsa investiert in seinem andalusischen „Green Hydrogen Valley“ in San Roque an der Bucht von Gibraltar eigenen Angaben zufolge drei Milliarden Euro in ein Projekt mit einer Kapazität von zwei Gigawatt zur Produktion von 300.000 Tonnen grünem Wasserstoff. Der Plan umfasst auch eine Milliarde Euro für den Bau einer Ammoniakproduktion mit einer jährlichen Kapazität von bis zu 750.000 Tonnen. Es entstünden 3.300 direkte und indirekte Arbeitsplätze.

Ammoniak: Produktion und Gebrauch. © Cepsa

Im Dezember hatte Cepsa nach Angaben der spanischen Zeitung „Expansión“ sogar Investitionen in Höhe von fünf Milliarden Euro zur Herstellung von Wasserstoff in Andalusien angekündigt, was die anderen von den Rivalen Iberdrola und Repsol angekündigten Projekte in den Schatten stellt. Konzerne wie Acciona, BP, Enagás, Totalen und Enagás investieren demnach ebenfalls in Andalusien für ähnliche Vorhaben.

Cepsa entwickelt derzeit die grundlegenden Technolgien (Basic Engineering) für das Vorhaben und arbeitet an den erforderlichen Genehmigungen. Im Energiepark Palos de la Frontera (Huelva) soll die Produktion im Jahr 2026 und in San Roque (Cádiz) im Jahr 2027 aufgenommen werden.

Dass die Konzerne so sehr auf Ammoniak setzen, liegt an der verhältnismäßig einfachen Handhabung: Ammoniak wird bei minus 33 Grad Celsius transportiert und gelagert, während Wasserstoff auf minus 253 Grad gekühlt werden muss.

Vom Baskenland nach Amsterdam

Ein drittes vergleichbares Abkommen für die Lieferung von Wasserstoff an die mitteleuropäischen Netze haben die Hafenverwaltungen von Bilbao und Amsterdam unterzeichnet. An dem im Vergleich zu den Rotterdamer Verträgen recht kurzen Seekorridor sind auch die Energieagentur der baskischen Regierung (EVE) sowie die Unternehmen Petróleos del Norte, S. A. (Petronor), SkyNRG BV, Evos Amsterdam und Zenith Energy Terminals beteiligt. Die Absichtserklärung besagt, dass die Parteien gemeinsam eine Lieferkette für erneuerbaren Wasserstoff entwickeln, die sich auf die Produktion im nordspanischen Baskenland und dessen Export in das europäische Hinterland über Amsterdam konzentriert.

Die Hafenverwaltungen von Bilbao und Amsterdam besiegeln in Anwesenheit des Königs der Niederlande (4.v.r.) ihre Zusammenarbeit. © Zenith Energy

Denn der Amsterdamer Hafen, nach Rotterdam, Antwerpen und Hamburg immerhin viertgrößter in Europa, verfügt über eine direkte Verbindung zum Airport Schiphol, einem der größten europäischen Flughäfen. Nachhaltige Flugkraftstoffe (Sustainable Aviation Fuels, SAF) gelten als wichtiger Bestandteil der künftigen Dekarbonisierung dieses Industriezweiges. Einer der Hersteller ist SkyNRG. Das Unternehmen hat eigenen Angaben zufolge mehr als 40 Fluggesellschaften und mehr als 70 Unternehmen weltweit mit SAF beliefert und entwickelt ein Netzwerk von Produktionsanlagen, die grünen Wasserstoff benötigen, darunter auch eine in Amsterdam.

Zenith Energy Terminals und Evos Amsterdam wiederum sind Betreiber von Lager- und Umschlaganlagen für Gas, Chemikalien, Erdölprodukte und erneuerbare Brennstoffe im Hafen. Zenith plant zudem eine Versorgungskette für flüssigen Wasserstoff, während Evos an einer Versorgungskette für flüssige organische Wasserstoffträger arbeitet.

Zentrum des „Baskischen Wasserstoffkorridors“

Der Hafen von Bilbao ist Teil des geplanten „Baskischen Wasserstoffkorridors“. Das Vorhabens wird von den beiden spanischen Mineralöl- und Petrochemiekonzernen Petronor und Repsol SA vorangetrieben.

Geplant ist der Bau von Elektrolyseuren für die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff mit einer Gesamtkapazität von 113 Megawatt sowie eine Demonstrationsanlage für die Herstellung von Treibstoffen auf Wasserstoffbasis. Die baskische Energiestrategie sieht unter anderem die Installation von insgesamt 300 Megawatt Elektrolyseleistung und die jährliche Produktion von 2.000 Tonnen synthetischer Kraftstoffe bis 2030 vor, außerdem die lokale Nutzung von Wasserstoff in der Industrie, im Gebäudesektor und im Verkehrs- und Mobilitätssektor.

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Yara-Tanker für Flüssiggas im Hafen von Algeciras: Transport und Lagerung von Ammoniak sind weniger aufwendig als bei Wasserstoff. © Yara Clean Ammonia