(Karlsruhe / Deutschland) – „Langfristig kann ein erheblicher Teil des deutschen Wasserstoffbedarfs durch Importe gedeckt.“ – „Wasserstoff ist weniger als universelle Lösung geeignet, sondern ein Baustein innerhalb eines diversifizierten Energiesystems.“ – „Besonders hohe Relevanz hat der Energieträger dort, wo direkte Elektrifizierung an physikalische oder wirtschaftliche Grenzen stoßen.“ Dies sind einige der Ergebnisse einer Meta-Analyse des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI). Die Forscher haben über 100 öffentlich zugängliche nationale und internationale Faktenchecks zu Wasserstoff mit dem Ziel ausgewertet, den oft kontrovers geführten Diskurs strukturiert einzuordnen.

Studie: „Bei den grundsätzlichen Fakten gibt es keinen signifikanten Wiederspruch.“ © Fraunhofer ISI

Demnach betonten nahezu alle Quellen, dass nur Wasserstoff aus erneuerbaren Energien eine weitgehende Klimaneutralität ermögliche, während fossile Herstellungsrouten – auch mit CO2-Abscheidung – weiterhin Emissionen verursachten. Allerdings werde grüner Wasserstoff in nahezu allen betrachteten Sektoren als kostenintensiver im Vergleich zu fossilen oder direkt elektrischen Alternativen eingeschätzt. Mehrere Quellen verwiesen jedoch auf Kostensenkungen durch Skaleneffekte, technologische Weiterentwicklungen und politische Förderinstrumente. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Wasserstoff bleibe stark vom jeweiligen Einsatz und den verfügbaren Alternativen abhängig. 

China ist Leitmarkt 

Global entwickele sich die Wasserstoffwirtschaft sehr unterschiedlich. So positioniere sich China strategisch als Leitmarkt und treibe sowohl den Ausbau der Elektrolysekapazitäten als auch die industrielle Skalierung und Kostensenkung systematisch voran. Australien baue seine Rolle als potenzieller Exportknoten für erneuerbar erzeugten Wasserstoff und wasserstoffbasierte Derivate aus.

Japan und Südkorea seien insbesondere im Bereich stationärer Brennstoffzellen-BHKW führend und dominierten auch den globalen Markt für Brennstoffzellen-Pkw mit einem Marktanteil von über 90 Prozent (2024). Südkorea zählt zu den weltweit größten Anbietern großer stationärer Brennstoffzellensysteme.

Afrika und die MENA-Region verfügten bei erneuerbarem Wasserstoff über ein Vielfaches des Erzeugungspotenzials Europas, stünden jedoch vor erheblichen Herausforderungen beim Aufbau der erforderlichen Infrastruktur, bei der Finanzierung sowie bei der Anbindung an internationale Absatzmärkte.

Trump-Regierung bremst US-Markt

Auch die USA bauten trotz politischer Unsicherheiten auf Wasserstoff als Schlüsseltechnologie für Dekarbonisierung und Energieunabhängigkeit. Die USA verfügten bereits 2015 über eine relevante Wasserstoffbasis mit einer jährlichen Produktion von rund neun Millionen Tonnen und einer 700 Meilen (1.127 Kilometer) langen Pipeline. 2025 gab es mehr als 50.000 Brennstoffzellen-Gabelstapler, 80 Busse und etwa weitere 18.000 Fahrzeuge – nahezu ausschließlich in Kalifornien. Allerdings schwäche die Trump-Administration durch ihre Orientierung auf fossile Energien die Rahmenbedingungen für eine großflächige H2-Marktentwicklung.

Für Deutschland und die Europäische Union ergebe sich ein gemischtes Bild: Einerseits bestünden starke industrielle Kompetenzen und technologische Führungspositionen in zentralen Wertschöpfungsstufen, andererseits verlaufe der Infrastrukturausbau und der Markthochlauf langsamer als politisch vorgesehen. „Europa liegt bei der Entwicklung und Skalierung von grünem H2 international hinter führenden Ländern zurück“, so die Analyse Insbesondere die Investitionen der EU in grünen Wasserstoff blieben hinter den Erwartungen zurück. 

Wasserstoffrelevanz ist Konsens

Dass Wasserstoff in Zukunft eine hohe Relevanz habe, scheint breiter Konsens zu sein. Grüner Wasserstoff lasse sich bereits heute nahezu klimaneutral produzieren, grauer Wasserstoff verursache demgegenüber rund zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Blauer Wasserstoff könne zwar Emissionen reduzieren, kritisch seien jedoch Restemissionen und Methanleckagen.

Bei den grundsätzlichen Fakten gebe es keinen signifikanten Widerspruch – wohl aber bei den Diskussionen um den konkreten Mehrwert von Wasserstoff in spezifischen Sektoren. „Unsere Analysen zeigen, dass Wasserstoff dort enorme Wirkung entfalten kann, wo es heute keine gleichwertigen Alternativen gibt – aber ebenso, dass ein unkoordinierter Aufbau von Wasserstoffinfrastrukturen wertvolle Ressourcen und Zeit kosten würde“, sagt Nils Bittner, Hauptautor der Studie am Fraunhofer ISI. Wichtig sei eine „anwendungsorientierte Priorisierung der Forschungs- und Entwicklungsthemen“.

„Wasserstoff-Fakten: Ein systematisches Review. Synthese und Evaluation von über 100 Faktenchecks“ als PDF (113 Seiten).
Die Website stellt zusätzlich Basis-Wissen rund um das Thema Wasserstoff zur Verfügung. Interaktive Karten lassen sich von Unternehmen, Medien oder Bildungseinrichtungen nutzen.

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Nur Wasserstoff aus erneuerbaren Energien ermöglicht eine weitgehende Klimaneutralität, während fossile Herstellungsrouten – auch mit CO2-Abscheidung – weiterhin Emissionen verursachen. © Europäische Union / Jan Krusa