(Berlin / Deutschland) – Der Nationale Wasserstoffrat (NWR) hat seine Prognose der zukünftigen Wasserstoffbedarfe in Deutschland aktualisiert. Allerdings erfolge der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft „nicht ansatzweise im benötigten Tempo“.

Wasserstoffbedarfe nach Sektoren in Deutschland (TWh H2): Die Werte sind Größenordnungen und basieren auf den im Papier dargestellten sektoralen Bedarfen. Es sind keine Prognosen, sondern Orientierungswerte (Umrechnung: 1 TWh Wasserstoff entspricht etwa 30.000 Tonnen). © NWR / Screenshot aus „Wasserstoffbedarfe: Eine Einordnung in den realpolitischen Rahmen”

Gleichwohl geht der NWR langfristig von einer „unverändert hohen Nachfrage nach erneuerbarem und kohlenstoffarmem Wasserstoff“ aus, um sämtliche Wirtschaftssektoren CO2-neutral weiterzuentwickeln. Je nach Szenario rechnet das Gremium in den späten 2040er-Jahren mit einem Gesamtbedarf von 275 bis 555 Terawattstunden Wasserstoff und Wasserstoffderivaten, das entspricht rund 8,25 Millionen bis 16,65 Millionen Tonnen – eine erhebliche Bandbreite, die es auch schon in den vorherigen NWR-Prognosen gab.

„Eine seriöse Prognose der Wasserstoffbedarfe in allen betroffenen Sektoren für unterschiedliche Zeithorizonte ist nur bedingt möglich“, heißt es denn auch in dem 12-seitigen Papier. Der überwiegende Teil werde von der Stahl- und Chemieindustrie benötigt, jeweils 20 bis 25 Prozent für die Strom und Fernwärmeerzeugung sowie in der Mobilität, vor allem für den Schwerlast-, Schiffs- und Luftverkehr. 

Klares politisches Bekenntnis fehlt

Wasserstoff wird künftig überwiegend zur Dekarbonisierung der Stahl- und Chemieindustrie benötigt: Im Mai 2025 hatte der österreichische Petrochemiekonzern OMV in seiner Raffinerie Schwechat bei Wien einen zehn Megawatt leistenden Elektrolyseur in Betrieb genommen. © OMV Aktiengesellschaft

Der NWR betont, dass seine Prognose plausible Abschätzungen auf Basis realer Entwicklungen der kommenden Jahre mit dem späteren Ziel vollständiger Klimaneutralität und energetischen Resilienz der heimischen Industrie verknüpfe. „Allerdings gilt für alle Sektoren, dass ein klares politisches Bekenntnis und die rechtlich-regulatorischen Bedingungen noch geschaffen oder zumindest verbessert werden müssen, bevor die genannten Bedarfe tatsächlich realisiert werden können“, sagt Kirsten Westphal, NWR-Mitglied und Teil der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft e. V.

„Von einem Wasserstoffhochlauf kann man angesichts dieser Situation derzeit kaum sprechen.“ Dies sei sowohl der Lage der öffentlichen Haushalte geschuldet, die langfristige und tiefgreifende Einschnitte in die Förderung neuer Technologien nach sich zögen, aber auch „grundlegenden Diskussionen, die Fortschritte verzögern oder sogar verhindern“.

Regularien verhindern Investitionen

Der bisherige regulatorische Rahmen und die schwierigen finanzwirtschaftlichen Rahmenbedingungen verhinderten Investitionen in nennenswertem Umfang. Unzureichende Angebotsmengen bei konstanter beziehungsweise steigender Nachfrage erhöhten die Kosten, was wiederum zahlreiche Projekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette gefährde, zu Stillstand oder sogar zur Aufgabe zwinge, so das Grundlagenpapier. 

Der NWR hatte erstmals 2023 Prognosen aufgestellt und im Jahr 2024 überarbeitet. Die jetzt veröffentlichte Prognose datiert von Mitte Juni, die erste Amtszeit der Mitglieder endete planmäßig am 1. Juli. Durch die aufgezeigten Verzögerungen werde im Vergleich zu den ersten Prognosen mit einem späteren Start des Hochlaufs in der ersten Hälfte der 2030er-Jahre gerechnet.

Das Informations- und Grundlagenpapier „Wasserstoffbedarfe: Eine Einordnung in den realpolitischen Rahmen” gibt es kostenfrei als PDF (12 Seiten).

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„Von einem Wasserstoffhochlauf kann man derzeit kaum sprechen“: Der norwegische Ölkonzern Equinor ASA verkündete schon 2024, sein Versorgungsschiff „Viking Energy“ auf Ammoniakantrieb umbauen zu lassen – andere Konzerne nutzen ebenfalls diesen Treibstoff, der sich in großen Mengen aus Wasserstoff herstellen lässt. © Equinor / Peter Tubaas