(Berlin / Deutschland) – Deutschland hat offenbar mit der Europäischen Kommission eine grundsätzliche Einigung zur deutschen Kraftwerksstrategie erzielt. Zur Sicherung der Stromversorgung Deutschlands sollen weitere Gaskraftwerke gebaut werden.

Der Standort des einstigen Kohlekraftwerks Gelsenkirchen-Scholven wird für ein neues wasserstofffähiges Gaskraftwerk geräumt. © Uniper SE
Demnach würden laut Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) noch in diesem Jahr zwölf Gigawatt (GW) steuerbare Kapazität ausgeschrieben; davon zehn als wasserstofffähige Gaskraftwerke und zwei Gigawatt technologieoffen. Für zehn Gigawatt sei überdies „ein Langfristkriterium vorgesehen“, heißt: Die dann bezuschlagten Kapazitäten müssen „aus Gründen der Versorgungssicherheit über einen längeren Zeitraum am Stück“ Strom erzeugen können. Diese Langfristkapazitäten, etwa hocheffiziente Gaskraftwerke, sollen spätestens im Jahr 2031 ihren Betrieb aufnehmen. In den Jahren 2027 und 2029/2030 würden dann weitere Ausschreibungen für steuerbare Kapazitäten folgen, die spätestens im Jahr 2031 verfügbar sein müssten.
Kraftwerkspark mit Wasserstoff dekarbonisieren
Sämtliche Kraftwerke, die im Rahmen der Kraftwerksstrategie gebaut werden, müssten in der Lage sein, Wasserstoff zu nutzen. Um den Kraftwerkspark gezielt weiter zu dekarbonisieren, sollen zusätzliche Maßnahmen einen vorzeitigen Umstieg auf Wasserstoff anreizen, sodass zwei Gigawatt Leistung bis 2040 und weitere zwei Gigawatt 2043 auf Wasserstoff umgestellt werden.
Bereits im November 2025 hatte sich der Koalitionsausschuss der Bundesregierung auf den Bau neuer Gaskraftwerke mit einer Leistung von kumuliert zwölf Gigawatt festgelegt. Zehn Gigawatt sollten 2026 ausgeschrieben und bis 2031 ans Netz gehen, acht davon H2-ready, hieß es seinerzeit.
Ursprünglich wollte die Bundesregierung, wie berichtet, 20 Gigawatt Leistung bis 2030 fördern, mithin etwa 40 neu zu bauende oder zu modernisierende Kraftwerke der 500-Megawatt-Klasse. Schon im Oktober vergangenen Jahres wurde allerdings gemutmaßt, dass man damit in Brüssel nicht durchkomme und nurmehr über zwölf Gigawatt beraten werde.
Die Vorgängerregierung mit Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wollte 12,5 Gigawatt plus 500 Megawatt Langzeitspeicher sowie zwei Gigawatt zur Modernisierung bestehender Gaskraftwerke zur Wasserstoffnutzung auf den Weg bringen. Kraftwerke mit 500 Megawatt Leistung sollten bereits bei der Errichtung mit 100 Prozent Wasserstoff laufen.
Industrie: 12 GW sind zu wenig – mehr Tempo erforderlich

Timm Kehler: „Zwölf Gigawatt steuerbare Kapazität reichen nicht aus.“ © Lotte Ostermann / Gas- und Wasserstoffwirtschaft e.V.
Der Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft e.V. begrüßte die Einigung. Vorstand Timm Kehler moniert indes, die angekündigten zwölf Gigawatt reichten nicht aus. Es gebe „eine weiterhin bestehende Versorgungslücke“. Die Stromversorgung in Deutschland sei nur gewährleistet, wenn bis 2035 mindestens 22 GW an steuerbaren Kapazitäten errichtet würden, sagt Kehler unter Berufung auf die Bundesnetzagentur. „Ausdrücklich begrüßen wir, dass alle neuen Anlagen von Anfang an wasserstofffähig sein müssen“, erklärt der Verband. „So entsteht Nachfrage nach Wasserstoff, was ein klares Signal für das Wasserstoffkernnetz sendet.“

Kerstin Andreae: „Das Gesetz muss möglichst noch vor diesem Sommer das parlamentarische Verfahren durchlaufen.“ © Thomas Imo Photothek / BDEW
Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert, die Bundesregierung müsse jetzt Tempo machen, und das Gesetz „möglichst noch vor diesem Sommer“ das parlamentarische Verfahren durchlaufen. Erst nach der Verabschiedung durch den Bundestag könne die konkrete Ausschreibung durch die Bundesnetzagentur erfolgen. „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, denn bis die Kraftwerke ans Netz gehen und Strom einspeisen können, vergehen rund fünf Jahre“, so Andreae. Damit der Kohleausstieg wie geplant weitergehen könne, müssten H2-ready Gaskraftwerke schnell gebaut werden. „Bis 2038 gehen stetig steuerbare Stromerzeugungskapazitäten aus dem Markt, insbesondere Kohle- und alte Gaskraftwerke.“

Sönke Tangermann: „Die Vorgaben der Bundesregierung zur Umrüstung auf Wasserstoff sind ein hellgrünes Feigenblatt.“ © Green Planet Energy eG
Die Energiegenossenschaft Green Planet Energy eG, 1999 von Greenpeace gegründet, findet es „gut, dass die Bundesregierung die Gesamtleistung der geplanten Gaskraftwerke auf Druck der Europäischen Kommission von 20 auf 12 Gigawatt nahezu halbiert hat“. Dennoch bleibe es mit der Vorfestlegung auf Gaskraftwerke bei einem „ungerechtfertigten Markteingriff zugunsten klimaschädlicher Energien“, kritisiert Co-Vorstand Sönke Tangermann: „Die Bundesregierung hat bis heute nicht erklärt, warum diese Beihilfen notwendig, angemessen und verhältnismäßig sein sollen.“ Speicher und andere Zukunftstechnologien konkurrierten jetzt mit hochsubventionierten Gaskraftwerken. „Fossile Subventionen schwächen so die Innovationskraft der Energiewende.“
Die Vorgaben der Bundesregierung zur Umrüstung auf Wasserstoff hält Tangermann für ein „hellgrünes Feigenblatt“: Zum einen seien vier Gigawatt bis 2043 viel zu wenig, zum anderen sei unklar, ob tatsächlich grüner Wasserstoff zum Einsatz kommen soll. „Das ist eine Absage an die Klimaziele. Die Nachfrage für grünen Wasserstoff muss schneller angekurbelt werden.“
Merz verhebt sich mit Habeck-Vergleich
Das Vorhaben von Katherina Reiche, bei den Gaskraftwerken auf Wasserstoff zu setzen, ähnele dem von Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck, vergleicht die „Frankfurter Rundschau“. Auch der habe während der Ampel-Regierung neue Gaskraftwerke bauen wollen, von denen allerdings fünf mit fossilem Gas und weitere fünf mit Wasserstoff betrieben werden sollten.
„Dieser Punkt scheint jedoch bei Bundeskanzler Friedrich Merz nicht in Gänze angekommen zu sein“, so die Zeitung. Denn wenige Tage zuvor auf dem IHK-Neujahrsempfang in Halle habe er „sich von den Plänen des Grünen-Ministers noch klar distanziert – oder es zumindest versucht“. Der Kanzler habe behauptet, „dass sich der neue Gaskraftwerksplan von dem der Vorgängerregierung darin unterscheide, dass die neue Regelung nicht vorsehe, dass die Kraftwerke von Tag eins an wasserstofffähig sein müssten“, so die FR. Diese Auffassung steht allerdings im Gegensatz zu den Angaben der Wirtschaftsministerin: „Sämtliche Kraftwerke, die im Rahmen der Kraftwerksstrategie gebaut werden, werden wasserstofffähig sein und spätestens bis zum Jahr 2045 vollständig dekarbonisieren“, heißt es wörtlich auf der BMWE-Website.
Mutmaßlich sind die Diskussionen um die Kraftwerksstrategie aber sowieso noch nicht beendet. Die Bundesregierung soll nun den Gesetzentwurf vorlegen, der wiederum von der Europäischen Kommission beihilferechtlich genehmigt und zudem vom Parlament verabschiedet werden muss.
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Grafische Darstellung des geplanten RWE-Gaskraftwerks in Voerde: Der Standort auf dem stillgelegten Steinkohlekraftwerk nördlich von Duisburg befindet sich direkt an der künftigen Leitung des Wasserstoffkernnetzes. Kühlturm und Kamin sind dort bereits gesprengt. © RWE Generation SE




