(Rotterdam / Niederlande) – Der niederländische Energieversorger Gasunie NV befindet sich eigenen Angaben zufolge „in der Endphase“ der Arbeiten an seiner Wasserstoffpipeline im Rotterdamer Hafen. Dies sei der erste Abschnitt des künftigen europäischen Wasserstoffnetzwerks (European Hydrogen Backbone).

Die Gasunie-Tochter Hynetwork Services B.V. hatte bereits im September vergangenen Jahres die 32 Kilometer lange Ferngasleitung fertig verlegt. Diese soll Wasserstoff vom Hafengebiet Maasvlakte zu Industriekunden transportieren. „Jetzt, wo die letzte Schweißnaht gemacht ist, beenden sie die Arbeit“, sagt Mark Stoelinga, Manager für Energie und Infrastruktur der Hafenbehörde Rotterdam. Der letzte Schritt bestehe nun darin, die Pipeline bei den Wasserstoffproduzenten und -verbrauchern anzuschließen.

Uniper zögert – bei Shell geht’s voran

An potenziellen Produzenten und Verbrauchern mangele es nicht. So habe das Energieunternehmen Uniper SE Pläne vorangetrieben, einen großen 500-Megawatt-Elektrolyseur zu bauen, um grünen Wasserstoff zu produzieren. „In der ersten Phase beginnen wir mit 200 Megawatt“, sagt Martijn Overgaag, der für Wasserstoffaktivitäten bei Uniper verantwortlich ist. Dieser könne etwa 20.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produzieren. Das technische Design sei fertig. Die Anlage soll direkt an der Übergabestelle des Stroms von Offshore-Windparks des Energieversorgers Tennet an Land entstehen.

Im Sommer 2025 erhielt Uniper für die erste Phase einen Zuschuss von 297 Millionen Euro. Allerdings hat das Unternehmen noch keine endgültige Investitionsentscheidung getroffen. Zuvor müsse sichergestellt sein, dass es hinreichend Käufer für den Energieträger gebe. Wichtig sei, „dass zukünftige Kunden rechtzeitig Hynetwork kontaktieren, um eine Verbindung zu vereinbaren, damit wir tatsächlich Wasserstoff liefern können“, sagt Overgaag.

Shell baut im Hafen von Rotterdam das Projekt „Holland Hydrogen 1“. © Port of Rotterdam Authority

Demgegenüber hat der Mineralölkonzern Shell den Bau eines 200-Megawatt-Elektrolyseurs auf der Maasvlakte fast abgeschlossen. Der grüne Wasserstoff werde von dort durch die Hynetwork-Pipeline zur nahe gelegenen Shell-Raffinerie Pernis fließen und den bislang dort verwendeten grauen Wasserstoff zur Rohöl-Verabeitung ersetzen. Auch der Industriegasanbieter Air Liquide baut auf der Maasvlakte einen 200-Megawatt-Elektrolyseur. Das Unternehmen verfügt allerdings über eine eigene Wasserstoffpipeline mit Verbindung zum Industriegebiet in der Nähe des Hafens in Antwerpen.

500.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr

Die Nachfrage sei in Rotterdam hoch. Von den rund 3.000 Unternehmen im Hafenbereich seien 20 Hauptverbraucher von Wasserstoff, sagt Mark Stoelinga von der Hafenbehörde.

Auf der Maasvlakte benötigen derzeit 20 Unternehmen etwa 500.000 Tonne Wasserstoff pro Tag, der durch grünen Wasserstoff mit dern Hynetwork-Pipeline ersetzt werden könnte. © Gasunie NV

Diese Unternehmen – Raffinerien, Düngemittelfabriken und Chemiebetriebe – verbrauchten derzeit etwa 500.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr. Dieser sei „fast vollständig grau“. Die neue Pipeline habe eine Kapazität von etwa 1,2 Millionen Tonnen pro Jahr – und könnte damit den aktuellen Bedarf locker decken. Grüner Wasserstoff werde auch als Alternative zu Erdgas in industriellen Prozessen in Betracht gezogen. „Aber der Preisunterschied ist im Moment immer noch sehr groß“,sagt Stoelinga. Kohlenstoffarmer blauer Wasserstoff, gewonnen aus Erdgas mittels CO2-Abscheidung und -Speicherung, sei „in den kommenden Jahren eine wichtige Zwischenlösung“.

Der erster Streckenabschnitt des niederländischen Wasserstoffnetzes ist fertig verlegt, jetzt wird noch an den Anschlüssen gearbeitet: Zwei Bauleute verewigen sich auf dem letzten eingefügten Rohr der Pipeline. © Hynetwork

Für die CO2-Speicherung werde parallel am Porthos-Projekt gearbeitet, das leere Gasfelder in der Nordsee nutzen soll. Die zu diesem Zweck gebaute CO2-Pipeline verlaufe teilweise parallel zur jetzigen Hynetwork-Wasserstoffpipeline. „Auf einer Länge von rund 14 Kilometern liegen die beiden Pipelines teils nur 40 Zentimeter voneinander entfernt“, so Hynetwork im September. Die Arbeitszeiten hätten sich ständig gegenseitig beeinflusst. Nach einer umfangreichen Testphase ist die Inbetriebnahme für April 2026 vorgesehen.

Anfangs konzentriere sich das neue Netz auf das Rotterdamer Hafengebiet. Unternehmen könnten über Zweigleitungen verbunden werden, sobald sie bereit seien, nachhaltigen Wasserstoff tatsächlich zu nutzen oder zu produzieren. Laut Hynetworks würden die Industriecluster in den Niederlanden dann bis 2033 phasenweise miteinander verbunden. Schließlich werde das Netz im Rahmen des Delta-Rhein-Korridors auch auf Industriezentren in Deutschland und Belgien ausgeweitet.

Gasunie, Thyssengas H2 und Gasunie Deutschland haben den Aufbau der Infrastruktur eines grenzüberschreitenden Wasserstofftransport-Netzes zwischen den Niederlanden und Deutschland sowie Dänemark vereinbart. (v.l.): Helmie Botter (Direktorin Wasserstofftransport bei Gasunie), Thomas Gößmann (Geschäftsführung Thyssengas), Thomas Becker (Geschäftsführung Thyssengas). © Thyssengas H2 GmbH

Jüngst hatten Hynetwork, die Thyssengas H2 GmbH sowie Gasunie Deutschland die Vorstufe eines Netzkopplungsvertrages für eine grenzüberschreitende Wasserstoff-Transportinfrastruktur geschlossen. Das Leitungssystem umfasst größtenteils bestehende Erdgas-Pipelines, die für den Transport auf Wasserstoff umgerüstet werden. Der Vereinbarung zufolge soll über die Grenzpunkte in Oude Statenzijl (Groningen) und Vlieghuis (Drenthe) eine zentrale Achse entstehen, die niederländische Industriegebiete, Importhäfen sowie Speicher- und Produktionsanlagen direkt mit Industriegebieten in Deutschland – vor allem im Ruhrgebiet und Rheinland – und den Märkten in Nordwesteuropa verbindet. Vorbereitende Arbeiten starteten schon im Sommer 2025.

Vorerst Konzentration auf Rotterdam

Die internationale Anbindung werde auch für Uniper von entscheidender Bedeutung sein, allerdings erst nach 2032. „Im Jahr 2030 wird es nicht realistisch sein, große Mengen an grünem Wasserstoff nach Deutschland zu exportieren, daher werden wir uns in der ersten Phase auf Rotterdam konzentrieren“, sagt Overgaag. Dort gebe „es bereits ein großes Nachfragepotenzial. Die Herausforderung besteht nun vor allem darin, einen Markt zu schaffen.“

Die europäische Gesetzgebung schreibe in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED-3) vor, dass die Verwendung von „erneuerbaren Kraftstoffen nichtbiologischen Ursprungs“ (grüner Wasserstoff) erhöht werden müsse. Demnach sollen 42 Prozent des von der Industrie im Jahr 2030 verwendeten Wasserstoffs nachhaltig sein. Die Niederlande arbeiteten national noch an den genauen Details dieser Verordnung.

H2-Beimischung in Niederlanden obligatorisch

Darüber hinaus gebe es in den Niederlanden eine obligatorische Beimischungsverpflichtung, wonach in Kraftstoffen ein Prozent erneuerbarer Wasserstoff enthalten sein müsse. „Sobald alle Regeln klar und stabil sind, wird es eine zusätzliche und garantierte Nachfrage geben“, sagt Overgaag. „Das wird es uns ermöglichen, langfristige Verträge abzuschließen.“ Während die deutsche Industrie ein wichtiger Wasserstoffmarkt ist, der von Rotterdam aus über den Delta-Rhein-Korridor bedient werde, sei auch Antwerpen aufgrund der künftigen Nachfrage der Industrie von Bedeutung.

Die Hafenbehörde von Rotterdam entwickelt seit einigen Jahren erfolgreich das neue Hafengebiet Maasvlakte. © Port of Rotterdam Authority / Danny Cornelissen

Für die Hafenbehörde von Rotterdam sei die Wasserstoffpipeline Teil einer umfassenderen Strategie, den Hafen als europäischen Energie- und Rohstoff-Hub zu positionieren. Neben der Produktion befasst sich Rotterdam auch intensiv mit dem Import von Wasserstoff und Wasserstoffträgern wie Ammoniak. Derzeit würden Terminals vorbereitet, um diese Ströme aufzunehmen, zu speichern und weiterzuverteilen. Im Mai 2025 schloss die indische AM Green Ammonia India Private Ltd. einen Kontrakt mit dem Hafen von Rotterdam für den Aufbau einer Lieferkette zwischen Indien und Nordwesteuropa. Die Umsetzung könne den Handel mit grünen Kraftstoffen in einer Größenordnung von jährlich einer Million Tonnen im Wert von bis zu einer Milliarde Dollar ermöglichen, so die Unternehmen.

Grenzüberschreitende Kooperation nötig

Die Zusammenarbeit mit anderen Industrieregionen sei dabei unerlässlich. Rotterdam arbeite mit Häfen wie Antwerpen (Belgien) und Duisburg (Deutschland) zusammen, um Angebot und Nachfrage zu bündeln und die Infrastruktur so effizient wie möglich auszubauen. „Wir konkurrieren in vielen Bereichen“, sagt Stoelinga, „aber wenn es um diese Art von Infrastruktur geht, muss man zusammenarbeiten. Sonst kommt das Projekt nicht vom Fleck.“

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Der niederländische Energieversorger Gasunie befindet sich „in der Endphase“ der Arbeiten an seiner Wasserstoffpipeline im Rotterdamer Hafengebiet. © Gasunie NV